

Auf einen Blick
- Europa hat seine Abhängigkeit von russischem Pipelinegas reduziert und ist heute stärker auf den globalen LNG-Markt angewiesen.
- Die Blockade der Strasse von Hormus beeinträchtigt insbesondere die LNG-Exporte Katars und verknappt damit das weltweite Angebot.
- Der verschärfte Wettbewerb treibt Gas- und Strompreise auch in der Schweiz nach oben.
Vor dem Ukrainekrieg war Russland Europas grösste energiepolitische Abhängigkeit. Rund 40 Prozent der europäischen Gasimporte gelangten über Pipelines aus Russland nach Europa. Flüssiggas (LNG) spielte zwar bereits eine Rolle, war jedoch nur eine Ergänzung und nicht das Rückgrat der Versorgung. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine hat Europa seine Bezugsquellen grundlegend umgestellt. Während Norwegen seine Rolle als wichtiger Lieferant weiter ausbauen konnte, gewann insbesondere Flüssiggas aus den USA stark an Bedeutung. Europa hat damit seine Abhängigkeit von einzelnen Lieferanten reduziert, gleichzeitig aber seine Verflechtung mit dem globalen LNG-Markt erhöht.
Die Blockade im Nahen Osten betrifft auch das Flüssiggas
Eine Folge dieser Entwicklung ist, dass geopolitische Spannungen im Nahen Osten heute rascher auf die europäischen Energiemärkte durchschlagen. Die anhaltende Blockade der Strasse von Hormus macht sich deshalb nicht nur in höheren Benzinpreisen bemerkbar, sondern zunehmend auch bei den Gaspreisen. Katar spielt dabei eine Schlüsselrolle. Zwar stammen die grössten LNG-Mengen für Europa aus den USA. Katar gehört jedoch weltweit zu den wichtigsten Produzenten und ist unverzichtbar für das Gleichgewicht des globalen LNG-Markts. Da praktisch sämtliche LNG-Exporte des Landes die Strasse von Hormus passieren müssen, wirkt sich jede Beeinträchtigung dieser Route unmittelbar auf das globale Angebot aus.
Europa muss seine Speicher zu hohen Preisen auffüllen
Die Blockade trifft Europa in einem besonders ungünstigen Moment. Die europäischen Gasspeicher sind für diese Jahreszeit ungewöhnlich tief gefüllt und müssen vor dem kommenden Winter deutlich aufgestockt werden. Entsprechend hoch ist die Nachfrage europäischer Energieversorger nach zusätzlichen LNG-Lieferungen. Dabei hat Europa noch schmerzliche Erinnerungen an den Winter 2022/2023. Damals hat die EU einen Mindestfüllstand der Gasspeicher vorgeschrieben und dem Markt damit signalisiert, dass man Preisausschläge in Kauf nimmt. Dieses Szenario versucht die EU aktuell zu verhindern. Gleichzeitig suchen zahlreiche asiatische Staaten nach Ersatz für ausfallende Lieferungen aus Katar. Europa und Asien konkurrieren damit um dieselben Mengen aus den USA, Australien und Afrika. Die Folge ist ein verschärfter Wettbewerb um ein knapper werdendes Angebot. Für die Preisentwicklung ist dabei weniger entscheidend, ob Europa direkt grosse Mengen aus Katar bezieht. Ausschlaggebend ist vielmehr, dass dem Weltmarkt erhebliche LNG-Mengen fehlen. Sinkt das globale Angebot, steigen die Preise für alle Käufer. Die Auswirkungen sind deshalb auch in Europa deutlich spürbar.
Steigende Gaspreise erhöhen den Druck auf den Strommarkt
Die Folgen beschränken sich nicht auf den Gasmarkt. In vielen europäischen Ländern bestimmen Gaskraftwerke besonders im Winter den Strompreis an den Strombörsen. Selbst wenn der Anteil von Gas an der Stromerzeugung begrenzt ist, setzen die teuersten noch benötigten Kraftwerke häufig den Marktpreis für alle Anbieter. Erneuerbare Energien und die französischen Kernkraftwerke können den gesamteuropäischen Strombedarf im Winter derzeit nicht ausreichend decken. Steigende Gaspreise treiben die Strompreise deshalb oft direkt und überproportional nach oben. Je länger die Blockade anhält und je schwieriger die Speicherbefüllung wird, desto grösser ist deshalb das Risiko zusätzlicher Strompreissteigerungen im kommenden Winter.
Als Teil des europäischen Energieraums würde auch die Schweiz davon nicht verschont bleiben. Selbst in der regulierten Grundversorgung werden etwa zwei Drittel des verbrauchten Stroms am Markt beschafft. Der tiefe Füllstand der inländischen Speicherseen verschärft das Problem. Höhere Gas- und Strompreise verteuern Produktion, Transport und zahlreiche Vorleistungen. Der Iran-Konflikt führt uns damit einmal mehr vor Augen, wie stark geopolitische Konflikte über die Energiemärkte auf Europa und die Schweiz wirken können.
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