

Auf einen Blick
- Der Baumol-Effekt ist eine Folge des wirtschaftlichen Fortschritts und macht personalintensive Dienstleistungen wie Gesundheit und Pflege relativ teurer.
- Steigende Gesundheitskosten sind nicht automatisch ein Zeichen von Ineffizienz, sondern auch Ausdruck höherer Löhne und medizinischen Fortschritts.
- Digitalisierung, skalierbare Leistungen und mehr Wettbewerb können dazu beitragen, den Kostendruck abzufedern.
Die Gesundheitskosten steigen seit Jahrzehnten. Schnell folgt daraus die Forderung, das Kostenwachstum müsse gebremst werden. Doch die Höhe der Ausgaben allein sagt wenig darüber aus, ob unser Gesundheitssystem effizient arbeitet. Steigende Kosten können sogar Folge einer erfolgreichen wirtschaftlichen Entwicklung sein. Das zeigt der sogenannte Baumol-Effekt.
Warum der Coiffeur immer teurer wird
Bereits in den 1960er-Jahren stellte der Ökonom William Baumol fest, dass sich die Produktivität nicht überall gleich schnell entwickelt. In der Industrie ermöglichen Maschinen, Automatisierung und Digitalisierung, dass mit gleich vielen Arbeitskräften immer mehr produziert werden kann. Bei persönlichen Dienstleistungen ist dies schwieriger. Ein Haarschnitt benötigt heute etwa gleich viel Arbeitszeit wie vor Jahrzehnten. Trotzdem verdient ein Friseur heute wesentlich mehr. Produktivere Unternehmen können höhere Löhne bezahlen. Andere Branchen müssen nachziehen, sonst wandern Arbeitskräfte ab. Deshalb werden personalintensive Dienstleistungen mit zunehmendem Wohlstand relativ teurer. Das gilt auch für die Bereiche Pflege, Bildung und einen erheblichen Teil des Gesundheitswesens.
Der Baumol-Effekt ist eine gute Nachricht
Das klingt paradox: Je produktiver eine Volkswirtschaft wird, desto teurer werden bestimmte Dienstleistungen. Ohne Produktivitätsfortschritte wäre der sogenannte Baumol-Effekt zwar geringer, doch auch Einkommen und Wohlstand würden langsamer wachsen. Für die Schweiz ist eine wettbewerbsfähige Exportwirtschaft dabei von zentraler Bedeutung. Unternehmen, die sich auf den Weltmärkten behaupten, stehen unter hohem Innovations- und Produktivitätsdruck. Ihre Produktivitätsfortschritte ermöglichen hohe Löhne und Wohlstand, von dem auch binnenorientierte Dienstleistungen profitieren. Dass etwa die Pflege teurer wird, ist somit die Kehrseite einer grundsätzlich erfreulichen Entwicklung.
Baumol ist kein Freipass für höhere Kosten
Das bedeutet jedoch nicht, dass man sich mit jeder Kostensteigerung abfinden muss. Menschliche Zuwendung lässt sich nur begrenzt rationalisieren. Eine Pflegefachkraft kann nicht einfach doppelt so viele Menschen betreuen. Doch nicht jede Gesundheitsleistung muss persönlich erbracht werden. Digitale Konsultationen, automatisierte Prozesse oder KI-unterstützte Diagnostik können Fachkräfte entlasten. Prävention und Nachsorge lassen sich teilweise digital skalieren. Auch die Bündelung medizinischer Leistungen ermöglicht Skaleneffekte.
Die entscheidende Frage lautet daher: Welche Leistungen benötigen persönliche Betreuung und welche lassen sich skalieren? Je besser diese Unterscheidung gelingt, desto stärker kann das Gesundheitswesen seine Produktivität steigern und den Baumol-Effekt abschwächen.
Innovation statt immer neuer Regulierung
Eine zunehmende Regulierungsdichte steht solchen Produktivitätsfortschritten im Weg. Zusätzliche Administration bindet Fachkräfte, während staatliche Detailsteuerung die Entwicklung neuer Versorgungsmodelle erschweren kann. Digitalisierung und künstliche Intelligenz können dagegen standardisierbare Tätigkeiten skalieren und so mehr Zeit für den persönlichen Kontakt schaffen. Der Baumol-Effekt rechtfertigt also nicht jede zusätzliche Ausgabe. Doppelspurigkeiten, Fehlanreize und ineffiziente Strukturen verursachen vermeidbare Kosten. Statt immer neuer Vorgaben braucht es unternehmerische Freiräume, Innovation und Leistungswettbewerb.
Der Baumol-Effekt bleibt eine Realität. Umso wichtiger ist es, die Spielräume für Innovation, Wettbewerb und Produktivitätsfortschritte konsequent zu nutzen.
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