Lächelnde Frau in hellem Büro, Bücherregal im Hintergrund

« Freihandel ist kein Luxus. Für die kleine, international vernetzte Schweiz ist er der Sauerstoff für Wohlstand, Versorgungssicherheit und wirtschaftliche Unabhängigkeit. »

Monica Rubiolo

Freihandel ist der Sauerstoff der Schweiz

02.10.2026

Auf einen Blick

  • Das Freihandelsabkommen mit dem Mercosur ist ein Bekenntnis zum Erfolgsmodell einer weltoffenen Schweiz.
  • Jedes zusätzliche Freihandelsabkommen verringert die Abhängigkeit des exportorientierten Kleinstaats von einzelnen Märkten.
  • Gerade in einer unsichereren und protektionistischeren Welt sollte sie ihre wirtschaftliche Offenheit selbstbewusst verteidigen.

Das Parlament hat das Freihandelsabkommen mit dem Mercosur bewilligt, nachdem Anliegen der Landwirtschaft mit gezielten Ausgleichsmassnahmen aufgenommen wurden. Dieser Entscheid fällt in eine Zeit, in der Freihandelsabkommen politisch stärker unter Druck geraten. Neben den Turbulenzen um Mercosur wird auch gegen das neue Efta-Malaysia-Abkommen das Referendum vorbereitet.

Wirtschaftliche Offenheit muss zunehmend verteidigt und erklärt werden, was eigentlich paradox ist: In einer Welt wachsender Unsicherheit ist Freihandel wichtiger denn je. Geopolitische Konflikte, Handelsstreitigkeiten und Protektionismus prägen die internationale Wirtschaftspolitik. Die Schweiz aber lebt wie kaum ein anderes Land vom Austausch mit der Welt. Die Exporte von Gütern und Dienstleistungen entsprechen rund 78 Prozent des BIP. 2025 exportierte die Schweiz Waren und Dienstleistungen im Wert von 624 Milliarden Franken. Netto entsteht rund jeder zweite Franken unseres Wohlstands im Ausland.

Freihandel stärkt den Wirtschaftsstandort

Diese starke internationale Verflechtung ist Teil unseres Erfolgsmodells. Die Schweiz hat einen kleinen Binnenmarkt und kaum Rohstoffe. Unser Wohlstand beruht darauf, weltweit gefragte Produkte, Dienstleistungen und Innovationen anzubieten. Zugleich sind wir auf den Import von Rohstoffen, Vorleistungen, Energie, Nahrungsmitteln und Technologien angewiesen. Offene Märkte sichern daher Absatz und Versorgung. Sie sind der Schlüssel zu einer wettbewerbsfähigen Volkswirtschaft.

Genau hier setzen Freihandelsabkommen an. Sie bauen nicht nur Zölle ab, sondern schaffen Rechtssicherheit, vereinfachen Verfahren und sorgen für verlässliche Rahmenbedingungen für Investitionen und Dienstleistungen. Gerade kleine und mittlere Unternehmen profitieren: Weniger Bürokratie eröffnet ihnen neue Chancen auf internationalen Märkten.

Freihandel ist deswegen zugleich Standortpolitik. Schweizer Unternehmen produzieren in einem Hochkostenland. Damit Wertschöpfung, Investitionen, Know-how und Arbeitsplätze hier bleiben, brauchen sie einen möglichst diskriminierungsfreien Zugang zu internationalen Märkten. Davon profitieren auch Zulieferer, Logistik, Dienstleister und Gewerbe.

Mehr Resilienz in einer unsichereren Welt

Hinzu kommt die geopolitische Dimension. Die Weltwirtschaft fragmentiert sich, Handelsströme verändern sich und Lieferketten geraten unter Druck. Jedes zusätzliche Freihandelsabkommen erweitert den Handlungsspielraum der Schweiz und verringert ihre Abhängigkeit von einzelnen Märkten. Diversifikation stärkt so die wirtschaftliche Resilienz.

Umso problematischer wäre es, wenn die Schweiz im internationalen Wettbewerb stehen bliebe. Die EU, die USA und asiatische Volkswirtschaften schlafen nicht und bauen ihre Handelsnetzwerke stetig aus. Während ausländische Unternehmen dadurch von besseren Marktzugängen profitieren, drohen Schweizer Anbieter zurückzufallen. Für eine Exportnation ist Untätigkeit ein schwerwiegender Fehler.

Gleichzeitig greift die Kritik zu kurz, Freihandelsabkommen widersprächen Umwelt- oder Sozialanliegen. Im Gegenteil: Moderne Schweizer Abkommen enthalten Bestimmungen zu Arbeitnehmerrechten, Klima, Umwelt und Biodiversität sowie Mechanismen für Dialog und Überwachung. So fördern sie hohe Standards und ermöglichen, deren Einhaltung einzufordern. Ohne solche Vereinbarungen verfügt die Schweiz über deutlich weniger Möglichkeiten, Verbesserungen vor Ort anzustossen. Handel mit klaren Regeln ist für die Umwelt und die Arbeitsbedingungen besser als der Status quo.

Offenheit bleibt zentral für den Wohlstand der Schweiz

So ist denn auch der Parlamentsentscheid zu Mercosur mehr als ein handelspolitischer Beschluss. Er ist ein Bekenntnis zu einem Erfolgsmodell, das der Schweiz Wohlstand, Arbeitsplätze und Stabilität gebracht hat. Gerade in einer unsichereren und protektionistischeren Welt sollte sie ihre wirtschaftliche Offenheit selbstbewusst verteidigen.

Freihandel ist kein Luxus. Für die kleine, international vernetzte Schweiz ist er der Sauerstoff für Wohlstand, Versorgungssicherheit und wirtschaftliche Unabhängigkeit.

Erstpublikation dieses Beitrags erfolgte am 2. Oktober 2026 in der NZZ.

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