Ruedi und Alexander

« Beim Wachstum geht es nicht um teure Ferien und luxuriöse Autos. Es geht um Wohlstand. Wer die Wurzel kappt, sollte sich über welkende Blätter nicht wundern. »

Alexander Keberle

Die Schweiz braucht keine Vollbremsung, sondern den richtigen Gang

07.08.2026

Auf einen Blick

Mit der «10-Millionen-Schweiz-Initiative» hat die Bevölkerung der Politik die gelbe Karte gezeigt. 45-Prozent setzten ein Votum gegen zu viel Wachstum und meinten «jetzt reicht’s». Das Anliegen ist verständlich und ernst zu nehmen. Doch bei der Frage, welche Lehren wir daraus ziehen, führen zwei verbreitete Fehlschlüsse in die Irre.

Erstens droht eine Kurzschlusshandlung. Die Logik mancher Wortmeldungen lautet: Macht man die Schweiz nur unattraktiv genug – über höhere Steuern oder die Abschaffung der Standortförderung –, löst sich das Problem von selbst. Stimmt – nur ist der Kollateralschaden gewaltig. Denn beim Wachstum geht es nicht um teure Ferien und luxuriöse Autos. Es geht um Wohlstand. Um die Finanzierung unserer «Insel der Glückseligen», auf der wir bei allen Mängeln eben doch leben dürfen: das hohe Einkommen, das vorbildliche Gesundheitswesen, die tolle Ausbildung, die pünktlichen Züge, die gut unterhaltenen Strassen und das starke Sozialsystem. Wer die Wurzel kappt, sollte sich über welkende Blätter nicht wundern.

Zweitens – und das überrascht viele – wächst die Schweiz wirtschaftlich gar nicht stark. In der absoluten Wirtschaftskraft belegen wir zwar einen Weltspitzenplatz. Beim Wachstum der Wirtschaftskraft aber sind wir im Vergleich mit anderen entwickelten Ländern (OECD) beinahe das Schlusslicht. Über die Wirtschaft kann man vieles sagen – aber dass sie in der Schweiz zu schnell wachse, sicher nicht.

Wachstum in die Breite – und Tiefe

Die Debatte vermischt dabei zwei Dinge. Breitenwachstum entsteht schlicht durch mehr Menschen – mehr Köpfe, mehr Wirtschaftsleistung. Es macht die Schweiz als Land wirtschaftlich grösser und hilft überall dort, wo es um Volumen geht, etwa bei der Finanzierung von Grossprojekten. Tiefenwachstum dagegen entsteht durch höhere Wertschöpfung pro Person – ökonomisch: durch steigende Produktivität. Sie bestimmt, wie viel Wohlstand jedem Einzelnen bleibt.

Ob man Breitenwachstum braucht, in Kauf nimmt oder ablehnt, darüber darf man trefflich streiten; es ist ein Wachstum mit Nebenwirkungen. Beim Tiefenwachstum aber ist der Fall klar: Dagegen sein kann nur, wer sich im Sinne der grünen «Degrowth»-Romantik einen tieferen Lebensstandard wünscht. Und das Schöne: Tiefenwachstum kennt keine Grenzen. Mit jedem technologischen Fortschritt steigt das Potenzial. So hat die Wirtschaft ihre Wertschöpfung verdoppelt und den CO₂-Verbrauch zugleich halbiert. Mehr mit weniger ist eben doch möglich.

Wo steht die Schweiz? Das Wachstum der letzten zehn Jahre ging zu 50 bis 80 Prozent in die Tiefe und zu 20 bis 50 Prozent in die Breite. Die gute Nachricht: Wir wachsen in die Tiefe. Die schlechte: auch mehr in die Breite.

Der steinige Boden

Stellt man sich die Wirtschaft als Pflanze vor, deren Wurzeln in die Breite oder Tiefe greifen, dann haben wir bei der Tiefe ein Problem. Regulierung und Bürokratie nehmen zu, es fehlt die Versorgungssicherheit bei der Energie, der Infrastrukturausbau wird blockiert, der Protektionismus vieler Länder erschwert den Marktzugang – steiniger Boden, in den die Wurzeln nur mühsam vordringen. Die Daten bestätigen es: Unsere Produktivität hinkt jener anderer, entwickelter Länder hinterher. Ausgerechnet Industrie, Pharma, Finanzen und Digitales – Sektoren, die viel Wohlstand bei wenig Zuwanderung schaffen – schwächeln. Wir sehen erste Anzeichen einer Deindustrialisierung, wie sie Deutschland bereits durchlebt. Und selbst die Pharma, einst der Tiefenwachstumsmotor schlechthin, stottert.

Für einen, dringend benötigten, Produktivitätsschub brauchen wir beherzte Massnahmen: ein Freihandelsabkommen mit dem Mercosur, eine Senkung der Staatsbelastung – etwa über die «Verwaltungsbremse» der Jungfreisinnigen – sowie echte Versorgungssicherheit, wofür die Aufhebung des Kernenergieverbots und das Stromabkommen zentral sind.

Als Land müssen wir aus der gelben Karte die richtigen Lehren zu ziehen, ohne zu gefährlichen Scheinlösungen zu greifen. Die Schweiz muss ihre Hausaufgaben machen, die wir in der Schönwetterphase auf die Seite gelegt haben: Fokus auf Produktivität, Stärkung des qualitativen Wachstums. Die gelbe Karte ist kein Grund zur Vollbremsung – sie wäre der Anlass, endlich den richtigen Gang einzulegen.

Erstpublikation dieses Beitrags erfolgte am 7. August 2026 in der NZZ.

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