

Auf einen Blick
- Energie ist die Grundlage für Wohlstand, Fortschritt und Klimaziele. Die Schweiz ist beim notwendigen Ausbau jedoch massiv im Rückstand.
- Ohne rasche Investitionen in Netze sowie wintertaugliche erneuerbare Energien drohen hohe und volatile Strompreise, die Wirtschaft und Standort schwächen.
- Drei Prioritäten sind entscheidend: ein Stromabkommen mit der EU, eine Neubewertung des Kernenergieverbots und ein beschleunigter Ausbau von Wasserkraft, Wind und Alpinsolar.
Die Bedeutung von Energie – und insbesondere von Strom – für eine wohlhabende Gesellschaft kann kaum überschätzt werden. Energie schafft Wohlstand. Die Korrelation zwischen Elektrizitätsverbrauch und Wirtschaftsleistung pro Kopf liegt bei rund 80 Prozent. Oder einfach formuliert: Es gibt keine energiearmen Länder, die wohlhabend sind. Energie treibt auch Fortschritt: Forschung, Digitalisierung und Zukunftstechnologien wie künstliche Intelligenz sind ohne massive Strommengen nicht denkbar – und sie helfen uns wiederum, die Energieeffizienz zu steigern. So ist Energie auch Voraussetzung für Nachhaltigkeit. Ohne Elektrifizierung und sehr viel emissionsfreien Strom – etwa für Carbon Capture – sind die Klimaziele Makulatur.
Umso beunruhigender ist der Blick auf die Ausganslage der Schweiz. Rund zwei Drittel der 2050 notwendigen Stromproduktion sind heute noch nicht gebaut. Zwar haben Politik und Stimmvolk ambitionierte Ziele beschlossen, doch die Realität hinkt dramatisch hinterher. 2024 wurde der notwendige Zubau um 53 Prozent verfehlt, 2023 sogar um 68 Prozent. Alpinsolarprojekte werden redimensioniert, Windkraftwerke bleiben stecken. Bei der Wasserkraft können wir froh sein, wenn der Ausbau gerade noch reicht, um den durch neue Auflagen sinkenden Ertrag zu stabilisieren.
Dachsolar wächst, doch auch dort flacht die Dynamik ab. Zudem wäre es gefährlich, wenn praktisch nur noch Dachsolar vorankäme. Das Resultat wäre ein Überangebot an Sommerstrom, der Preise ins Negative drückt, grundlastfähige Kraftwerke wirtschaftlich ruiniert und mangels Speicher nicht nutzbar ist. Hinzu kommen Stromnetze, die überlastet sind, mit der Dezentralisierung nicht Schritt halten und Investitionen in zweistelliger Milliardenhöhe erfordern.
Die Konsequenzen sind absehbar: steigende und stark schwankende Strompreise, insbesondere zwischen Sommer und Winter. Das ist Gift für eine Industrie, die ganzjährig produzieren muss und heute schon unter im internationalen Vergleich hohen Strompreisen ächzt. Ohne ausreichende Stromversorgung werden Investitionen, Jobs und Kaufkraft leiden.
Vor diesem Hintergrund ist es schwer nachvollziehbar, mit welcher Nonchalance wir uns weiterhin energiepolitische Grabenkämpfe leisten. Rote Linien dominieren die Debatte. Dabei braucht es keinen Energieexperten, um zu erkennen: Sauberer, sicherer, günstiger Strom aus der Schweiz, ohne Windkraft, ohne Kernkraft und ohne Eingriffe in die Landschaft sind der Bedingungen zu viele.
Drei Realitäten lassen sich nicht länger ausblenden:
- Ein Stromabkommen mit der EU ist essenziell. Die Integration in den europäischen Strommarkt erhöht die Versorgungssicherheit, senkt den Bedarf an teuren Reserven und spart mittlere zweistellige Milliardenbeträge. Die oft kritisierten „Nachteile“ (Stichwort: Marktöffnung) sind bei genauerem Hinsehen Chancen, um alte Zöpfe abzuschneiden. Man kann zu den Bilateralen Verträgen stehen, wie man will. Aber das Stromabkommen ist ein «no brainer».
- Das Kernenergieverbot ist nicht mehr haltbar. Weltweit erlebt die Kernenergie eine Renaissance. Über 200 Anlagen sind im Bau oder in Planung, die EU stuft sie als grün und als «essenziell» für Netto-Null ein. Auch China und die USA setzen auf Erneuerbare und Kernkraft. Realistisch betrachtet werden wir auch in der Schweiz so bald nicht auf Kernkraft verzichten können. Ersatzneubauten für die bestehenden KKW könnten nötig sein, um nach 2050 eine massive Lücke zu vermeiden. Im Übrigen handelt es sich um eine Scheindebatte: Wir wählen gar nicht zwischen Kernkraft oder keiner Kernkraft. Sondern zwischen Schweizer Kernkraft oder dem Import französischer Kernkraft.
- Wir müssen bei den winterwirksamen Erneuerbaren vorwärtsmachen. Das betrifft Wasserkraft ebenso wie Windkraft und Alpinsolar. Dafür braucht es schnellere Verfahren, eine gezieltere Förderung und entschlossenen Netzausbau. Gegeben den politischen Gegenwind müssen wir uns zudem auf die Projekte fokussieren, die ein möglichst gutes Kosten-Nutzenverhältnis haben – und diese dafür bedingungslos ins Ziel bringen.
Die Uhr tickt. Entweder wir lösen das Problem auf bewährte Schweizer Art – pragmatisch – oder das Problem überwältigt uns. Denn das Energiesystem folgt nicht politischen Wunschvorstellungen, sondern den Gesetzen der Physik. Und die Physik wartet nicht, bis wir unsere energiepolitische Selbstfindung abgeschlossen haben.
Erstpublikation dieses Beitrags erfolgte am 26. Februar 2026 in der Handelszeitung.
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