

« KI vernichtet nicht die Jobs der Berufseinsteiger, sondern schafft zusätzliche Arbeitsplätze. »
KI vernichtet Jobs? Ein Mythos wird brüchig
16.07.2026
Auf einen Blick
- Künstliche Intelligenz stellt den Arbeitsmarkt und insbesondere Berufseinsteiger vor neue Herausforderungen.
- Eine neue Studie zeigt: Firmen, die KI intensiv und systematisch einsetzen, bauen ihre Beschäftigung aus – auch bei den Einstiegsjobs.
- KI vernichtet nicht die Jobs der Berufseinsteiger, sondern schafft zusätzliche.
Wer in den vergangenen Monaten die Schlagzeilen zum Thema künstliche Intelligenz und Arbeitsmarkt gelesen hat, dem konnte durchaus mulmig werden. Es ist von einer bevorstehenden «Job-Apokalypse» die Rede. Die Generation Z wird bereits als «verlorene Generation» dargestellt, deren Karrieretreppe von der künstlichen Intelligenz zerlegt wird. Dazwischen kursieren Umfragen, Memes und Buzzwords wie «AI FOBO», die Angst, technologisch überflüssig zu werden. Es ist eine Erzählung, die klickt. Und es ist eine Erzählung, die nicht mehr viel mit den vorliegenden Daten zu tun hat.
Anlass für die aktuelle Diskussion in der Schweiz ist der neue KI-Report von jobs.ch. Dieser zeigt, dass die Zahl der Stellenausschreibungen für Berufseinsteiger seit Ende 2022 um 32 Prozent zurückgegangen ist, besonders stark in KI-exponierten Bereichen wie Administration, Marketing, Finanzen und IT. In der Studie ist das dann aber etwas differenzierter dargestellt und die Autoren räumen selbst ein, dass neben der KI auch konjunkturelle Faktoren eine Rolle spielen. In der medialen Verarbeitung wird daraus dann rasch die vermeintlich naheliegende Schlussfolgerung, dass die KI der jungen Generation systematisch die Startrampe wegzieht.
Genau hier lohnt sich ein zweiter Blick. Ende Juni haben Ramp und Revelio Labs eine der bisher umfangreichsten Auswertungen zum Thema veröffentlicht. Sie verknüpfen die tatsächlichen KI-Ausgaben von über 21'000 US-Unternehmen mit deren Beschäftigungsdaten. Das Ergebnis widerspricht der gängigen Erzählung diametral. Firmen, die KI intensiv und systematisch einsetzen, bauen ihre Beschäftigung in den zwei Jahren nach Einführung um rund 10 Prozent aus. Bei den Einstiegsstellen liegt der Zuwachs sogar bei rund 12 Prozent. Der Effekt zieht sich breit durch die Organisation, von Engineering über Vertrieb bis Kundenservice. Und er tritt nicht sofort ein, sondern erst nach sechs bis zwölf Monaten, wenn Unternehmen ihre Prozesse angepasst und organisatorisches Lernen absolviert haben.
Damit ist das Bild plötzlich ein anderes. KI vernichtet in den intensivsten Anwenderfirmen nicht die Jobs der Berufseinsteiger, sondern schafft zusätzliche. Wer bloss ein ChatGPT-Abonnement abschliesst, sieht diesen Effekt nicht. Wer KI dagegen tief in Prozesse, Produkte und Geschäftsmodelle integriert, wächst schneller, produktiver und stellt zusätzliche Menschen an, auch am Anfang ihrer Karriere.
Für die Schweiz sind das wichtige Signale. Erstens sollten wir die Debatte entdramatisieren. Der aktuelle Rückgang bei den Einsteigerstellen ist real, aber in weiten Teilen konjunkturell erklärbar. Die geopolitische Unsicherheit, protektionistische Massnahmen vieler Länder und hohe Kosten im Inland führen zu einer allgemeinen Zurückhaltung beim Personalaufbau. Deswegen ausgerechnet die künstliche Intelligenz zum Hauptschuldigen zu erklären, ist bequem, aber wie sich nun zeigt, empirisch nicht gedeckt. Zweitens sollten wir die eigentliche Frage stellen. Warum die Schweizer Wirtschaft in der produktiven Nutzung dieser Technologie noch nicht weiter ist. Wer bei der KI-Adoption zurückfällt, verliert nicht nur Produktivität. Er verliert auch jene Wachstumsdynamik, die anderswo zusätzliche Stellen schafft, gerade für die Jungen.
Daraus folgt eine wirtschaftspolitische Agenda, die im Kern konstruktiv ist. Rahmenbedingungen für Investitionen in Digitalisierung und KI stärken. Weiterbildung ausbauen, ohne sie zu bürokratisieren. Regulierung so gestalten, dass sie Vertrauen schafft, aber Innovation nicht abwürgt.
«FUD», Fear, Uncertainty and Doubt, um auch einmal mit einem Buzzword zu hantieren, ist ein schlechter Ratgeber für eine alternde, exportorientierte Volkswirtschaft mit knappen Fachkräften. Was die Schweiz braucht, ist weniger Apokalyptik und mehr nüchterne Analyse. Die verbaute Treppe, vor der so eindrücklich gewarnt wird, entsteht nicht dort, wo Unternehmen zu viel KI einsetzen. Sie droht dort, wo zu wenig davon in der Praxis ankommt.
Erstpublikation dieses Beitrags erfolgte am 16. Juli 2026 bei CH Media.
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