# 01 / 2017

Schweizer Erfolgsfaktoren gelten auch in der digitalen Zukunft

Kapitel 1 von 4

Der digitale Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft

Chancen und Unsicherheit bei Unternehmen und Menschen

Die Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft ist seit einiger Zeit in aller Munde. Denn der rasche technologische Fortschritt verändert das Verhalten von Unternehmen, Konsumentinnen und Konsumenten sowie Arbeitnehmenden. Geschäftsmodelle, Produkte und Dienstleistungen sowie Jobprofile wandeln sich.

Diese Veränderungen eröffnen unzählige neue Möglichkeiten. Sie erzeugen aber auch Unsicherheit bei Unternehmen und Menschen bezüglich ihrer Wettbewerbsfähigkeit, respektive ihrer Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt. Gleichzeitig eröffnet der technologische Fortschritt uns allen als Konsumentinnen und Konsumenten erfreuliche neue Perspektiven in Form von günstigeren, transparenteren und bequemeren Angeboten. Viele Unternehmen und Staaten streben danach, sich in diesem wandelnden digitalen Umfeld an die Spitze zu setzen. Gleichzeitig tauchen neue Herausforderer auf, die die etablierten Akteure konkurrenzieren.

Es ist offensichtlich: Mit dem technologischen Fortschritt geht ein struktureller Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft einher, der Chancen und Herausforderungen mit sich bringt und damit auch Fragen aufwirft. So erstaunt es nicht, dass einige politische Akteure den digitalen Wandel mittels Regulierungen in eine bestimmte Bahn lenken wollen. Andere versuchen, die Verunsicherung auszunutzen und altbekannte und bislang nicht mehrheitsfähige politische Forderungen unter neuen Vorzeichen wieder aufs Tapet zu bringen.

Schweiz muss auf ihren heutigen Stärken aufbauen

Bei Regulierungen in diesem hoch dynamischen Umfeld ist grosse Vorsicht geboten. Die Schweiz gehört derzeit zu den wettbewerbsfähigsten Ländern der Welt. Ihr Erfolg beruht auf grundlegenden Erfolgsfaktoren, die nicht leichtsinnig durch voreilige regulatorische Eingriffe aufs Spiel gesetzt werden dürfen. Vielmehr geht es darum, die Chancen der Digitalisierung optimal zu nutzen. Und dafür braucht es nicht Regulierung, sondern exakt das Gegenteil, nämlich möglichst viel unternehmerischen Freiraum. Die Entwicklung neuer Geschäftsideen, neuer Produkte und Dienstleistungen und die optimale Ausnutzung der digitalen Chancen erfolgen in den Unternehmen und nicht auf dem Reissbrett der Politik. Die Schweiz wird dann als Digitalisierungsgewinnerin dastehen, wenn sie auf ihren Stärken aufbaut und den Unternehmen durch gute Rahmenbedingungen erlaubt, die sich bietenden Chancen zu packen.

Mit anderen Worten: Bei regulatorischen Eingriffen dürfte sich «Eile mit Weile» auch im Rennen um die besten Plätze im digitalen Zeitalter ausbezahlen.

Digitale Transformation: Was ändert sich?

Die digitale Entwicklung wird oft als grundsätzlicher technologischer Umbruch mit revolutionärem Charakter dargestellt. Sie wird in eine Reihe gestellt mit der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts durch die Erfindung der Dampfmaschine (erste industrielle Revolution), der Einführung der arbeitsteiligen Fliessbandproduktion dank elektrischer Energie zu Beginn des 20. Jahrhunderts (zweite industrielle Revolution) und der Automatisierung der Produktion durch den Einsatz von Computern in den 1970er-Jahren (dritte industrielle Revolution).

Die Stufen der industriellen Revolution

Viele beschreiben die Digitalisierung als vierte industrielle Revolution. Doch im Unterschied zur ersten und zweiten industriellen Revolution findet die Entwicklung heute viel fliessender statt.

Elemente der digitalen Transformation

Der digitale Wandel ist umfassend, er betrifft alle und alles. Deshalb ist es auch schwierig, dieses Phänomen einzugrenzen und eindeutig zu definieren. Rechtfertigt es sich, von einer vierten industriellen Revolution zu sprechen? Welche Entwicklungen kennzeichnen den digitalen Wandel? (In Anlehnung an BDI/Roland Berger):

  • Automatisierung: Roboter und selbstfahrende Fahrzeuge sind die prominentesten Beispiele für die Automatisierung verschiedener Prozesse. Durch die intelligente Kombination klassischer Technologien mit künstlicher Intelligenz entstehen autonom arbeitende Maschinen und Systeme. Diese sind dank höherer Produktivität bei gleichzeitig tieferen Kosten effizienzsteigernd.
     
  • Vernetzung: Die digitale Entwicklung ermöglicht dank dem Einsatz leistungsstarker Rechner und Netzinfrastrukturen die unternehmensübergreifende, digitale Vernetzung von Produktionsprozessen. Alle Bereiche des Wirtschaftens können durchgängig und in Echtzeit miteinander vernetzt werden. Die reale Welt und die virtuelle Welt verschmelzen im Internet der Dinge. Beispielsweise, indem die Logistiksysteme einer Firma selbstständig mit den Produktionsanlagen kommunizieren (Smart Factory) oder die Kaffeemaschine selbstständig neuen Kaffee bestellt (Internet der Dinge).
     
  • Datenverarbeitung: Die Vernetzung von Produkten, Prozessen, Maschinen und Menschen generiert Daten. Diese bilden eine wichtige Grundlage für erfolgreiches unternehmerisches Handeln. Daten werden zur Optimierung bestehender Geschäftsmodelle genutzt (Big Data/Smart Data). Daten bilden aber auch die Grundlage für bisher ungenutzte Wertschöpfungspotenziale. Neue, branchenfremde Akteure treten auf den Markt und fordern bestehende Wertschöpfungsprozesse mit neuen, datenbasierten Geschäftsmodellen heraus. Am Anfang dieser Entwicklung standen einfache datenbasierte Empfehlungssysteme (Kunden, die dieses Produkt gekauft haben, kauften auch …). Aus der Verknüpfung und Analyse von Daten lassen sich aber auch präzise Prognosen ableiten und etwa vorausschauend Reparaturen von Maschinen oder der Austausch von Ersatzteilen planen (Predictive Maintenance).
     
  • Kundenzugang: Durch den Einsatz moderner und mobiler Kommunikationsmöglichkeiten, beispielsweise über Apps oder soziale Medien, wird einerseits ein direkter Zugang zum Kunden möglich, klassische Intermediäre fallen weg. Andererseits entstehen digitale Plattformen, deren Rolle in der Zusammenführung der Marktakteure liegt. So bieten heute diverse Hersteller ihren Kunden die Möglichkeit, direkt online ein individuelles Produkt zu bestellen (Farben, Materialien, Grösse). Sie umgehen so für einen Teil ihrer Produktion den Einzelhandel und treten in direkten Kontakt mit ihren Kunden. Hersteller erhalten dadurch ganz unmittelbar von ihren Kunden Rückmeldungen über das verkaufte Produkt und können es entsprechend verbessern.

Treiber der Digitalisierung

Im Kern wirkt die Digitalisierung über diese vier Hebel, die durch neue Basistechnologien und Infrastrukturen (Enabler) und neue Geschäftsmodelle (Propositionen) gestützt werden.

Entwicklungen haben evolutiven und revolutionären Charakter

Diese Entwicklungen zeigen auf, dass der technologische Fortschritt Evolution und Revolution zugleich ist. Einerseits ermöglicht er es, die Effizienz durch die Automatisierung von Prozessen zu steigern und dadurch Produkte und Dienstleistungen laufend zu verbessern (Evolution). Andererseits können durch die exponentiell gestiegenen Möglichkeiten in der digitalen Datenverarbeitung gänzlich neue Geschäftsmodelle entstehen, die sich oftmals durch dynamische Wertschöpfungsnetzwerke kennzeichnen. Bekannte Beispiele sind die 3D-Drucktechnologie, Plattformanbieter wie der Unterkunftsvermittler Airbnb oder der Fahrvermittler Uber. Ein wichtiger Treiber solcher Entwicklungen sind die tiefen Kommunikations- und Transaktionskosten, die es erlauben, ein neues Geschäftsmodell schnell und insbesondere länderübergreifend zu skalieren.

Der Übergang zwischen Evolution und Revolution kann dabei fliessend sein, wie beispielsweise das Smartphone zeigt. Vor zehn Jahren stellte Apple mit dem iPhone ein weiterentwickeltes Smartphone vor. Aus den Wechselwirkungen zwischen Produkt, Konkurrenzprodukten und Umfeld (Apps, mobiles Breitband, mobile Zahlungssysteme) entwickelte sich schliesslich ein ganzes wirtschaftliches Ökosystem, das heute einen wesentlichen Wachstumstreiber darstellt.

Technologische Entwicklung und gesellschaftlicher Wertewandel gehen Hand in Hand

Viele der neuen Geschäftsmodelle, beispielsweise in der sharing economy, wurden erst möglich, weil sich parallel zum technischen Fortschritt (Datenverarbeitung, digitale Infrastrukturen) auch soziale Werte verändert haben. Bestes Beispiel ist wiederum Airbnb – oder konnten sich unsere Grosseltern vorstellen, ihre Wohnung für einige Tage einem Wildfremden zu überlassen? Zwischen dem Wertewandel und der Entwicklung besteht eine Wechselwirkung. Eine technologische Entwicklung kann sich ohne Akzeptanz nicht durchsetzen, gleichzeitig wird die Akzeptanz durch die Entwicklung beeinflusst.

Gesamthaft können wir davon ausgehen, dass die Veränderungen durch die technologische Entwicklung weiterhin massiv ausfallen werden. Dies führt aber nicht dazu, dass sich die grundlegenden wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Spielregeln ändern.

Technologischer Fortschritt als Strukturwandel

Zwar geht mit dem technologischen Fortschritt zwangsläufig ein wirtschaftlicher Strukturwandel einher. Doch das war früher nicht anders. Wie sich in der Vergangenheit die Zusammensetzung der volkswirtschaftlichen Strukturen stark verändert hat, wird es auch in Zukunft zu Umwälzungen der Wirtschaftssektoren und Branchen kommen. Die Frage ist nicht, ob der wirtschaftliche Wandel gut oder schlecht ist: Er wird einfach stattfinden. Ob wir wollen oder nicht. Die Erfahrungen der Geschichte zeigen nur allzu deutlich, dass sich die Entwicklung nicht aufhalten lässt. Länder, die mit protektionistischen Massnahmen die bestehenden Industrien oder überholte Geschäftsmodelle schützen wollten, scheiterten langfristig kläglich. Die Strukturanpassung würde einfach verzögert, aber dann umso radikaler erfolgen.

Die Schweizer Wirtschaft war schon in der Vergangenheit konstantem Strukturwandel ausgesetzt. Eine Stärke unserer Volkswirtschaft war dabei, dass sie sich stets erfolgreich an die Veränderungen anpassen konnte. So war beispielsweise um 1900 noch fast ein Drittel der Beschäftigten in der Landwirtschaft tätig. Heute sind es weniger als vier Prozent und dennoch herrscht in der Schweiz nahezu Vollbeschäftigung.  

Kapitel 2 von 4

Bisherige Erfolgsgaranten für die Schweiz

Die Schweiz gehört zu den wettbewerbsfähigsten Volkswirtschaften der Welt

Die Schweiz konnte sich nicht bloss an den Strukturwandel anpassen. Vielmehr ist unser Land heute eine der wettbewerbsfähigsten Volkswirtschaften der Welt. Die Unternehmen in unserem kleinen, aber global stark vernetzten Land verstehen es, sich im Zeitalter der Globalisierung auf dem Weltmarkt erfolgreich zu behaupten. Sie profitieren von wettbewerbsfähigen und innovationsfreundlichen Rahmenbedingungen in unserem Land und nutzen diese als Wettbewerbsvorteil. Die Schweiz ist ein rohstoffarmes Land mit kleinem Heimmarkt. Sie ist daher auf einen intensiven Austausch mit dem Rest der Welt angewiesen. Nur so können Wachstum und Wohlstand gesichert werden.

Verschiedene internationale Vergleiche bestätigen die seit Jahren erfolgreiche Standortpolitik der Schweiz. Die meistzitierte Studie zur Wettbewerbsfähigkeit stammt vom World Economic Forum (WEF). Die Schweiz belegt in deren Global Competitiveness Index seit Jahren den ersten Platz. Auch andere Rankings zur Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit kommen zu ähnlichen Schlüssen: Die renommierte Studie des International Institute for Management Development (IMD) in Lausanne zählt die Schweiz seit vier Jahren zu den vier wettbewerbsfähigsten Volkswirtschaften der Welt.

Neun Erfolgsfaktoren der Schweizer Wirtschaft

Dabei interessiert natürlich die Frage, was die Schweiz und die Schweizer Wirtschaft so stark gemacht hat. Die verschiedenen Rankings stützen sich auf eine Vielzahl von Indikatoren wie makroökonomische Stabilität, Infrastrukturen, Bildungssystem, Gesundheitssystem, Arbeitsmarkt oder Innovation. Wie ist die Schweiz aufgestellt, um bei diesen Indikatoren zu punkten? Und vor allem: Was muss die Schweiz tun, um auch in Zukunft punkten zu können?

Der Erfolg der Schweizer Wirtschaft im globalisierten Wettbewerbsumfeld fusst auf verschiedenen zentralen Bausteinen, die eine langfristig orientierte Wirtschaftspolitik gewährleistet haben. In der Vergangenheit hat die Schweiz viele Weichen offensichtlich richtig gestellt. Im Folgenden identifizieren wir neun grundlegende Erfolgsfaktoren, die die Schweiz zum wettbewerbsfähigsten Land der Welt gemacht haben.

Das macht die Schweiz erfolgreich

  • Makroökonomische Stabilität: Wirtschaftlicher Erfolg braucht Rahmenbedingungen, die langfristige Investitionen ermöglichen: Rechtssicherheit, stabile soziale und politische Verhältnisse sowie eine unabhängige Geldpolitik sind Grundvoraussetzungen für den nachhaltigen wirtschaftlichen Erfolg eines Landes – dies gilt in einer digitalen Wirtschaft mehr denn je.
     
  • Funktionierende Marktwirtschaft: Gute Ideen können sich in der Schweiz durchsetzen, das Angebot an Gütern und Dienstleistungen ist gross. Der Staat hat die wichtige Aufgabe, diesen Wettbewerb zu fördern, auch grenzüberschreitend. Denn Abschottung und Protektionismus sind keine Rezepte für einen prosperierenden und international konkurrenzfähigen Wirtschaftsstandort.
     
  • Freies Unternehmertum: Erfolgreiches Unternehmertum ist die Basis für den wirtschaftlichen Erfolg der Schweiz. Um sich entfalten zu können, braucht es möglichst grosse Freiräume. Nur dort, wo der Markt versagt, sind staatliche Leitplanken nötig.
     
  • Offener Zugang zu den Weltmärkten: Als Exportnation braucht die Schweiz einen exzellenten Zugang zu ausländischen Märkten. Dieser wird über Freihandelsabkommen und bilaterale Verträge sichergestellt und ist gerade im digitalisierten Raum Grundvoraussetzung für Wachstum.
     
  • Führender Bildungs- und Forschungsplatz: Die Qualität der Schweizer Bildung und Forschung ist herausragend und ein Schlüssel für den Fortschritt. Denn der wertvollste Rohstoff der Schweiz ist die Innovation. Das duale Bildungssystem muss deshalb gepflegt und konsequent weiterentwickelt werden. Gleiches gilt für die fruchtbare Zusammenarbeit zwischen den öffentlichen Forschungsinstitutionen und der Privatwirtschaft.
     
  • Wettbewerbsfähige Finanz- und Steuerpolitik: Gesunde Staatsfinanzen stärken das Vertrauen in den Standort. Die Schweiz hat hier vieles richtig gemacht. Das gilt auch für ihre Steuerpolitik, die auf ein wettbewerbsorientiertes System setzt.
     
  • Leistungsfähige Infrastrukturen: Es ist eine gemeinsame Aufgabe von Staat und Wirtschaft, leistungsfähige Infrastrukturen bereitzustellen, die möglichst eigenwirtschaftlich betrieben werden. Ein Ausbau der Kapazitäten soll sich an den Bedürfnissen der Unternehmen und der Bevölkerung orientieren.
     
  • Freie und offene Arbeitsmärkte: Ein offener, flexibler Arbeitsmarkt trägt viel zum Wohlstand der Schweiz bei. Damit er funktionieren kann, braucht es den Zugang der Unternehmen zu Fachkräften und eine faire Sozialpartnerschaft.
     
  • Sichere, kompetitive Energieversorgung und effizienter Schutz der Umwelt: Eine sichere und bezahlbare Energieversorgung und eine intakte Umwelt sind wichtige Standortfaktoren. Die natürlichen Ressourcen müssen schonend genutzt werden.

Die Schweizer Erfolgsfaktoren

Im Zusammenspiel haben diese Faktoren dazu geführt, dass die Schweiz heute das wettbewerbsfähigste Land der Welt ist.

Quelle: eigene Darstellung

Kapitel 3 von 4

Warum diese Erfolgsfaktoren auch in Zukunft den richtigen Orientierungsrahmen bilden

Politik will den digitalen Wandel steuern

Wie eingangs ausgeführt, werden die erwähnten Entwicklungen zweifelsfrei zu Veränderungen führen. Gleichwohl stellen sie nur das dar, was schon immer war: Fortschritt und damit verbundene Anpassungen. Die grundlegenden Erfolgsfaktoren der Vergangenheit haben denn auch noch lange nicht ausgedient. Vielmehr bilden sie die Grundlage für den Erfolg der Zukunft.

Zahlreiche parlamentarische Vorstösse hängig

Im Zuge der Veränderungen sieht sich die Politik herausgefordert, den digitalen Transformationsprozess zu steuern. Mit der Strategie «Digitale Schweiz» gibt sich der Bund Leitlinien für das staatliche Handeln in Zeiten der digitalen Transformation. Fühlt sich diese Strategie noch weitgehend dem Prinzip der freien Entfaltung der Wirtschaft verpflichtet, verfolgen eine Vielzahl von aktuellen parlamentarischen Vorstössen zum Thema Digitalisierung jedoch einen interventionistischen Kurs. Auch auf EU-Ebene sind im internationalen Vergleich bereits zahlreiche Regulierungsbestrebungen in Bezug auf die digitale Wirtschaft am Laufen.

Dabei wird deutlich, dass das Vorgehen dem klassischen Verhaltensmuster der Politik entspricht, wie sie mit sich verändernden Rahmenbedingungen umgeht: namentlich mit einer konstanten Verschärfung der Regulierung. Auch in der Schweiz deutet zurzeit vieles auf mehr staatliche Eingriffe in den freien Markt hin. Der Ruf nach mehr Staat muss jedoch genau überprüft werden, denn solche Eingriffe haben oft unerwünschte Nebeneffekte und die Tendenz zu überschiessen.

Staatliche Eingriffe müssen verhältnismässig sein

Wird eine neue Entwicklung als Problem oder Bedrohung empfunden, finden sich schnell Behörden oder Politiker, die den Staat für die Lösung bemühen wollen. Die Folge ist in der Regel eine neue Regulierung.

Staatliche Eingriffe in die Wirtschaft sind jedoch nur dann gerechtfertigt, wenn das verfolgte Ziel mit verhältnismässigen Mitteln erreicht werden kann. Dieser Grundsatz hatte schon in der analogen Wirtschaft Bedeutung und gilt erst recht in der digitalen Wirtschaft. In vielen Fällen zeigt sich, dass ein staatlicher Eingriff entweder nicht möglich, nicht zielführend oder dann nur mit massiven und unverhältnismässigen Eingriffen möglich ist. Diese Handlungsempfehlung an die Politik lässt sich in einem Diagramm wie folgt zusammenfassen.

Braucht es eine staatliche Regulierung?

In vielen Fällen heisst das richtige Rezept: Keine staatliche Intervention nötig.

Überhastete Regulierung gefährdet Erfolgsfaktoren

Betrachtet man verschiedene politische Diskussionen der vergangenen Monate im Zusammenhang mit technologischen Entwicklungen zeigt sich, dass viele Forderungen nicht im Interesse von Wirtschaft und Gesellschaft sind. Sie sind auf den Erhalt des Bestehenden ausgerichtet und dadurch protektionistisch, wettbewerbsfeindlich und innovationshemmend. Man hilft einer Branche nicht, indem man sie abschottet und es ihr damit verunmöglicht, sich den internationalen Innovationen und dem Wettbewerb immer wieder von Neuem zu stellen.

Aktuell werden wichtige Weichen gestellt. Die Politik riskiert aus der rein kurzfristigen Betrachtung heraus massive Eingriffe in den Wettbewerb, die das Erfolgsmodell der Schweiz massiv gefährden. Dies zeigen auch verschiedene aktuelle Beispiele.

Schädlicher politischer Aktivismus: zwei aktuelle Beispiele

Terravis

Das Eidgenössische Amt für Grundbuch- und Bodenrecht versuchte vor Jahren, die Führung der kantonalen Grundbücher zu digitalisieren. Das Projekt scheiterte, die Privatwirtschaft sprang ein und hatte Erfolg: Das System, das die Börsenbetreiberin SIX entwickelte und betreibt, benutzen heute schon 13 Kantone. Es bewährt sich bestens.

Wider aller Logik will der Nationalrat dieses Erfolgsmodell nun abschaffen. Ungeachtet der Schwierigkeiten, die der Bund in der Vergangenheit bei Informatikprojekten hatte, soll er nun ein eigenes System für die elektronische Grundbuchführung aufbauen. Der Grund: Die Grundbuchführung sei eine hoheitliche Aufgabe und obliege dem Staat, nicht der Privatwirtschaft. Das Argument der Tradition führt allerdings in die Sackgasse. Eine Aufgabe, die die Privatwirtschaft aufgrund der technologischen Entwicklungen besser erledigen könnte, darf nicht beim Staat belassen werden. Nur weil der Staat früher vielleicht einmal ein geeigneter Anbieter für eine Dienstleistung war, muss dies heute und erst recht in Zukunft noch lange nicht der Fall sein. Alle Zuständigkeiten müssen stets – und im Lichte der Digitalisierung jetzt besonders – neu geprüft und herausgefordert werden.

Netzsperren

Die Schweizer Wirtschaft ist auf ein offenes, sicheres und stabiles Internet angewiesen, um webbasierte Dienstleistungen oder Angebote anzubieten oder unternehmensinterne Prozesse effizient durchzuführen. Die international vernetzte Schweiz profitiert davon, dass Unternehmen über das Internet ihre Kunden global bedienen können und Schweizer Firmen erfolgreich – gerade auch aus der Schweiz heraus – im Ausland agieren.  

Internetsperren oder Netzsperren sind vor diesem Hintergrund für die Schweizer Volkswirtschaft besonders schädlich: Sie beeinträchtigen wichtige Funktionen des Internets und schwächen damit den Wirtschaftsstandort Schweiz. Das mit solchen Sperren von der Politik verfolgte Ziel, den Zugang zu einem Anbieter im Ausland von der Schweiz aus zu unterbinden (so beispielsweise den Zugang zu Onlinespielen im Ausland), können diese Sperren jedoch nicht erreichen. Im Internet gibt es keine zentrale Stelle zum Sperren von Inhalten; es ist gerade eine Stärke des Internets, dass Unterbrüche, Störungen oder eben Sperren einfach umgangen werden können. Dies trägt zur Stabilität und Verlässlichkeit bei.

Internetsperren sind nicht verhältnismässig, da sie das eigentliche Ziel gar nicht erreichen können und gleichzeitig die Sicherheit und Funktion des Internets und den Wettbewerb beeinträchtigen. Dies zeigt sich gerade bei der Diskussion zum Geldspielgesetz in aller Deutlichkeit. Dieses setzt die Eingriffsschwelle für Sperren sehr tief an. Nur zum Schutz einer einzigen kleineren Branche sollen Sperren ermöglicht werden. Dies schafft ein gefährliches Präjudiz. Jede Branche, die sich von Angeboten aus dem Ausland bedroht sieht, wird ebenfalls entsprechende Sperren verlangen.

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Fazit und Leitlinien für die Zukunft

Auch in Zukunft basieren erfolgreiche wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen auf den neun zentralen Erfolgsfaktoren der Schweiz. Das mag unspektakulär klingen, bringt aber mehr als kurzfristigen politischen Aktivismus. Abgeleitet von diesen lassen sich entsprechend auch Leitlinien für den politischen Umgang mit dem digitalen Wandel formulieren:

Erfolgsfaktoren der Schweiz erhalten

Der Standort Schweiz muss auch im Zeitalter der Digitalisierung wettbewerbsfähig bleiben. Entsprechend muss die Innovationskraft hoch bleiben beziehungsweise nach Möglichkeit gesteigert werden. Gerade im digitalen Umfeld reagieren der Markt und die Unternehmen sehr schnell auf Fehlentwicklungen oder schlechte Rahmenbedingungen. Innovation ist der Schlüssel zum Erfolg. Eine erfolgreiche Innovationspolitik schafft unternehmerische Freiräume, sorgt für ein gutes Bildungssystem und fördert die internationale Vernetzung.

Chancen der Digitalisierung erkennen

Das Thema Digitalisierung darf nicht aus politischen Gründen schlechtgeredet und so missbraucht werden. Vielmehr gibt es viele Gründe für eine realistische, aber optimistische Herangehensweise. Eine aktuelle Studie zeigt beispielsweise, dass die Digitalisierung nicht zu einem Stellenabbau, sondern vielmehr zu einem gesamtwirtschaftlichen Wachstum und somit zu einem Zuwachs von Arbeitsstellen führen wird.

Keine politische Steuerung der technologischen Entwicklung

Die Digitalisierung ist faktisch Synonym für die technologische Entwicklung und den technischen Fortschritt. Kennzeichnend für die Digitalisierung sind das hohe Tempo sowie ihre globale und branchenübergreifende Reichweite. Die Digitalisierung geschieht – sie lässt sich nicht politisch steuern. Paternalistische industriepolitische Massnahmen sind entsprechend abzulehnen.

Kein staatlicher Aktionismus

Die Wirtschaft braucht Raum für die Entwicklung von Innovationen: Positive Dynamiken dürfen nicht durch starre und vorauseilende staatliche Vorgaben eingeschränkt werden. Dabei gilt es auch zu akzeptieren, dass staatliche Regulierungen im Einzelfall immer den aktuellen Entwicklungen hinterherhinken. Ein Überstrapazieren des Vorsorgeprinzips ist insbesondere im Zeitalter der Digitalisierung strikte abzulehnen.

Gesamtwirtschaftliche Perspektive einnehmen

Es braucht eine gesamthafte, branchenübergreifende Betrachtung der Themen und keine übertriebenen Detailregelungen entlang der traditionellen Branchenstrukturen. Partikularinteressen und Strukturerhalt dürfen nicht Anlass für Regulierung sein oder dem Abbau oder der Anpassung von Regulierung im Weg stehen. Der langfristige Erfolg des Standorts Schweiz im globalen Wettbewerb steht im Zentrum.

Regulierungsansätze hinterfragen

Die Globalisierung über das Internet beeinflusst die Wirtschaft und die Gesellschaft. Wachstum entsteht über die nationalen Grenzen hinaus. Die nationale Dimension verliert entsprechend an Bedeutung und Einfluss. Internationale Standards, die international koordinierte Herangehensweise und die Selbstregulierung werden wichtiger, während die Einflussmöglichkeiten des primär auf nationaler Ebene agierenden staatlichen Regulators schwinden und sich klassische Besteuerungsansätze überholen.

Gleich kurze statt gleich lange Spiesse

Dieser Umbruch kann gerade auch eine Chance sein, Bestehendes zu hinterfragen und überholte Regulierungen abzuschaffen. Statt neue Geschäftsmodelle zu regulieren, sollten die bestehenden Anbieter durch Deregulierung fit für den Wettbewerb gemacht werden. Gleich kurze Spiesse für alle muss das Ziel heissen.

Solide, effiziente und nachhaltig finanzierte Infrastrukturen

Leistungsfähige, sichere und flächendeckend verfügbare Informations- und Kommunikationsinfrastrukturen sind die Basis und ein wichtiger Standortfaktor für die digitale Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft.

Bildung muss Anpassungsfähigkeit fördern

Das Schweizer Bildungssystem ist zwar gut, aber weist gerade im Hinblick auf die stark technologisch geprägten Umwälzungen Schwachstellen aus. Erstens bilden wir zu wenig Fachkräfte im MINT-Bereich aus (Mathematik, Ingenieur- und Naturwissenschaften, Technik). Besonders eklatant ist der tiefe Frauenanteil in den meisten MINT-Studiengängen. Zweitens kann die Schule wesentlich dazu beitragen, den Schülerinnen und Schülern eine positive Grundhaltung gegenüber neuen Entwicklungen mitzugeben. Drittens ist ein erheblicher Teil der Jugendlichen nicht fähig, in der Erstsprache kompetent zu kommunizieren. Da die Anforderungen an die Arbeitskräfte aber generell steigen, ist es unabdingbar, dass die Menschen in der Lage sind, sich ständig weiterzubilden. Dies geht aber nur bei ausreichenden Sprachkenntnissen.